Engel... Angelos... ENGELCHEN

Vermutlich wurde nichts  jemals in dieser Häufigkeit benannt, beschrieben und begehrt wie die Engel. Sie begegnen uns als Statuen, auf Gemälden, in Verfilmungen und in der Lyrik.  Wir verschicken Postkarten mit Engelsmotiven, kleiden uns zum Fasching in weiße Gewänder mit federbesetzten Flügeln, erzählen unseren Kindern Geschichten über Engel, und manch einem Menschen erklären wir, daß er ein Engel sei.
Sie sind geflügelt, mystisch, zauberhaft, manchmal bedrohlich, furchterregend und todbringend.
Unzählige Engel begleiten unseren Alltag, unsere Emotionen und unsere Träume.

Aus alten Überlieferungen geht hervor, daß Engel schon vor 6000 Jahren beschrieben wurden. Gefügelte, menschenähnliche Gestalten, die "Kabiru" genannt wurden, wachten über die Menschen in Mesopotamien und Sumeria.

In der Bibel begegnen uns Engel als Kräfte, himmlische Heerscharen, als Wächter und als Verkünder und Gesandte Gottes (Angelos = griechisch für Bote). Es war der Erzengel Gabriel, welcher Maria die Geburt Jesu ankündigte, sowie den Hirten auf dem Feld die frohe Botschaft überbrachte. Ein Engel bewachte das Tor zum Paradies, ein Engel ließ Zacharias verstummen, Engel suchten Abraham und Sarah auf, Engel wurden ausgeschickt nach Sodom, und im Traum sprach der Engel Gottes zu Jakob. Ein Engel führte das Volk Israel aus Ägypten, ein Engel befreite Petrus aus seinen Ketten.

In der Einheitsübersetzung des Alten Testaments kommt der Begriff Engel 128 mal vor, und obgleich in beiden Schöpfungserzählungen (Gen 1 und 2) keine Rede von Engeln ist, wird aber in der gesamten Heiligen Schrift darauf hingewiesen, daß Engel vor der Entstehung der Welt existierten und Gott dienen.

So lesen wir zum Beispiel:
"Da rief ihm der
Engel des Herrn vom Himmel her zu: Abraham, Abraham!"
  (Gen 22,11-17)
"Der Menschensohn wird mit seinen
Engeln in der Hoheit seines Vaters kommen und jedem
                                         Menschen vergelten, wie es seine Taten verdienen"
 (Matthäus 16,27)
"Denn er befiehlt seinen
Engeln, dich zu behüten auf all deinen Wegen" (
Psalm 91)

Die Bibel geht zwar mit der Umwelt davon aus, daß es Engel - himmlische, mit Bewußtsein begabte Geistwesen - gibt, verzichtet aber weitestgehend auf ein Ausmalen dieser Himmelswelt. Viel wichtiger ist ihr die Funktion der Engel: den Menschen Gottes Wort, Gegenwart, Absicht und vollgültigen Willen mitzuteilen. Darum erscheinen Engel in der Bibel oft einfach als "Boten Gottes" in menschlicher Gestalt.
Das biblische Engelbild hat mit dem der Kunst und Volksfrömmigkeit nur wenig gemein. Die verniedlichenden Darstellungen der Engel als Putten widersprechen der biblischen Darstellung. Als Wesen, die grundsätzlich der "unsichtbaren Welt" angehören, entziehen sie sich der Objektivierung. Dennoch kann die Sprache des Gebets, der Liturgie und der Poesie nicht auf sie verzichten.

In der Mystik gibt es die Vorstellung, daß sich eine Seele über verschiedene Stufen von Steinen, Pflanzen und Tieren hin zum Menschen entwickelt. Nach dem Tod des menschlichen Körpers kann eine Seele die Stufe des Engels erreichen. Der sufische Mystiker Dschalal ad-Din Rumi beschreibt dies in seinem Gedicht Mathnawi:

               Ich starb als Stein und sprosst’ als Pflanze auf
 
               Ich starb als Pflanze und ward Tier darauf
 
               Ich starb als Tier und bin zum Mensch geworden
 
               Was grauet mir, hab’ durch den Tod ich je verloren?
 
               Als Menschen rafft er mich von dieser Erde
 
               Dass ich des Engels Fittich tragen werde
 
               Als Engel noch ist meines Bleibens nicht
 
               Denn ewig bleibt nur Gottes Angesicht
 
               Dort trägt mein Flug mich noch weit über Engelshort
 
               Zu unermesslich hohem Ort
 
               Dann ruf’ zu nichts mich, denn in mir klingt’s wie Harfenlieder
 
               Dass zu Ihm wir kehren wieder

 

 

Oh, Du Engel der Nacht, wer hat Dich gerufen. Wer hat Dir gesagt, daß Du meine Träume stören sollst, wer erlaubte Dir, meinen Tag zu bestimmen. Warum gehst Du nicht, wenn ich es von Dir verlange, warum suchst Du nach mir und siehst nicht, daß ich mich manchmal nicht finden lassen möchte. Du raubst mir den Schlaf, machst meinen Tag zum Chaos, und ich kann meine Gedanken nicht sortieren. Du zeigst mir Bilder, erzählst mir Geschichten und singst mir Lieder. Und ich möchte meine Augen schließen und meine Ohren zuhalten. Aber Du bist da und läßt mich nicht ruhen. Ich bin müde, erschöpft, und zu manchen Zeiten unendlich traurig. Traurig darüber, daß ich nicht alles verstehen kann, was Du mir sagst, und ich bin nicht schnell genug, die Bilder, die Geschichten und die Lieder einzufangen.  Wenn Du weggehst, werde ich schlafen können. Doch vielleicht wache ich dann nie wieder auf. Geh nicht weg, erzähle es mir noch einmal, sing es lauter und schenke mir die  Farben, mit welchen ich Dich sehen kann...

Als ich ein Kind war, träumte ich oft, ich könnte fliegen. Ich breitete meine Arme aus, und die imaginären Schwingen trugen mich durch Raum und Zeit, ließen mich durch Luftströme und Gewitter gleiten. Manchmal meinte ich, die Engel Gottes neben mir zu spüren, und wenn ich sie flüstern hörte, das sanfte Schwingen ihrer Flügel vernahm, fühlte ich mich geborgen, beschützt, und von unbeschreiblicher Zärtlichkeit umgeben.
Ich las die Bibel und unendlich viele Bücher über Engel. Bis heute liebe ich die Abbilder in Form kleiner Figuren und Puttengemälden, und ich komme an keiner Postkarte vorbei, die eines dieser Himmelswesen zeigt. Und ich habe immer wieder versucht, sie zu malen, ihnen Gedichte und Geschichten zu widmen, wenngleich der Engel in seinen Darstellungen immer wieder vermenschlicht ist, wie ihn auch die Menschen seit Tausenden von Jahren personifizieren.
Wer hat in seinem Leben nicht schon den Satz "Du bist ein Engel" gehört, und eines Tages entstand dieser "Kosename". Zunächst als ein Scherz gedacht, übernahm mein Freundes- und Bekanntenkreis das ENGELCHEN als einen Rufnamen. Irgendwann, mag es eine Mischung aus Todessehnsucht (hat jeder, keine Sorge) Transzendenzbedürfnis oder Gutmenschwunsch sein, identifizierte ich mich mehr und mehr mit der Figur des Engels. Wer genießt es nicht, ab und dann der Realität zu entfliehen und in nächtlichen Träumen durch Luftströme und Gewitter zu gleiten, und wer verspürt nicht hin und wieder den Wunsch, "über den Dingen zu stehen". Bei weitem möchte ich nicht das Mensch-sein aufgeben, und die Lebendigkeit des Seins nicht würde missen wollen.